Was ich von meinem Hund gelernt habe

Veröffentlicht am Kategorisiert als Persönliches, Reflektionen Keine Kommentare zu Was ich von meinem Hund gelernt habe
Katja mit ihrem Rhodesian Ridgeback Floyd auf einem Spaziergang durch die blühende Lüneburger Heide.

Oder: Wer coacht hier eigentlich wen?

Eigentlich dachte ich, ich würde Floyd etwas beibringen. Acht Jahre später bin ich mir da längst nicht mehr so sicher.

Mein Rhodesian Ridgeback Floyd wiegt inzwischen über fünfzig Kilo und ist etwa siebzig Zentimeter hoch. Ein stattlicher Kerl, mit dem ich seit fast acht Jahren jeden Tag lerne. Dem Aufruf von Katja Hammerschmidt zu einer Blogparade über persönliche Learnings im Zusammenleben mit einem Tier folgend, teile ich hier ein paar der Lektionen, die er mir mitgegeben hat.
Manche auf die harte Tour. Manche über viele kleine Wiederholungen, die sich erst im Rückblick zu einem Muster zusammenfügten.

Rhodesian Ridgeback Floyd als Welpe und später als Junghund im direkten Vergleich seiner Entwicklung.

Ein halber Meter macht den Unterschied

Ich mag Geschirre, ehrlich gesagt, immer noch lieber als Halsbänder. Aber ich musste erfahren: Bei einem Hund, der spätestens ab fünfundzwanzig Kilo einfach einen völlig anderen Körperschwerpunkt hat, macht die Anzahl Zentimeter Leine bis zu ihm einen riesigen Unterschied. Bei einem Geschirr sitzt der Impuls schon heftig im ganzen Körper, bevor ich überhaupt reagieren kann. Ich korrigiere dann nur noch hinterher. Und es wird ein Kräftemessen, bei dem ich mit zunehmender Grammatur häufiger kapitulieren müsste, als dem gemeinsamen Lernprozess dienlich wäre. Am Halsband kann ich viel früher, viel klarer und vor allem im Vorfeld führen oder auch einmal intervenieren, statt nur noch gegenzusteuern.

Nachdem ich das entgegen der Bedingung für die Aufnahme in meine erste Hundeschule verstanden hatte, habe ich ein Halsband ganz neu angelernt und eingeführt, das Floyd bis heute trägt. Er schlüpft selbst hinein, es markiert den Start eines gemeinsamen Ganges und es zieht sich enger zu, wenn er sich „ins Zeug legt“. Geht er entspannt, schlackert es locker um seinen imposanten Hals.

So nutze ich die Schleppleine, um ihm im Rahmen von Leinenpflicht oder im Urlaub und auf unbekanntem Terrain Freiräume für das hündische Zeitunglesen zu ermöglichen und die lange oder kurze Leine, wenn wir ganz bewusst miteinander unterwegs sind oder ich ihn führe – sei es in der Stadt, bei Begegnungen die Zündstoff beinhalten könnten, oder weil ich schlicht auch einfach mal keine Lust auf viel Gepäck und Zubehör habe.

Kleiner Rhodesian Ridgeback Floyd beim ersten gemeinsamen Spaziergang im Büsenbachtal in der Lüneburger Heide.

Wie schnell ein Hund Verhaltensketten lernt

Diese Sache mit dem Führen – im Vorfeld statt hinterher -, hat mir Floyd ein weiteres Mal seinen ersten Lebensjahren beigebracht, und zwar auf eine Art, die mir bis heute nachhängt.

Auf einem gemeinsamen Spaziergang mit zwei Hunden hatte das Kind eines Freundes riesigen Spaß daran, Floyd und den eigenen Hund immer wieder zu sich zu rufen und dafür mit Leckerchen zu belohnen.

Zwei Tage später, auf einem Spaziergang mit meinem Mann, lief Floyd in freudigem Galopp auf eine fremde Familie mit Kindern zu, bevor ich auch nur daran denken konnte, ihn abrufen zu wollen. Die Kinder hatten Angst, haben sich mit den Eltern zur Schildkrötenformation zusammengedrängt und sind an Ort und Stelle eingefroren. Die Eltern haben mir vorgeworfen, ich hätte so eine große Rasse doch besser im Griff zu haben.

Beschämt habe ich mich nach meiner Gardinenpredigt also entschuldigt und bin mit wahrscheinlich hochrotem Kopf zum Auto geschlichen. Erst später, auf dem Heimweg, fiel es meinem Mann und mir wie Schuppen aus den Haaren: Floyd hatte von dem Spaziergang wenige Tage zuvor offensichtlich etwas abgespeichert. Da ist ein kleiner Mensch. Wenn der mich ruft und ich möglichst direkt freudig zu ihm laufe, gibt es etwas Leckeres. Es hatte bei dem Lütten nämlich auch Leckerlis dafür gegeben, dass die Hunde einfach von sich aus gekommen sind und nach Leckerchen „gefragt“ haben.

Wie schnell also eine Verknüpfung entsteht, und wie schwer es danach ist, wieder zurückzurudern, das war eine meiner eindrücklichsten Lektionen überhaupt. Man merkt oft erst am Ergebnis, was man begünstigt hat. Dann ist es allerdings schon passiert.

Eine Lektion in puncto Wahrnehmung steckte übrigens auch noch in dieser Situation. Floyd war damals noch längst nicht so groß und schwer wie heute. Und doch erlebte ich auf Spaziergängen oder auf Veranstaltungen: einem größeren Hund verzeiht man nicht so schnell wie etwa einem Havaneser, Chihuahua oder Terrier. Was bei kleinen Rassen gerne mal als „niedlich“ fehlinterpretiert oder wortreich als liebevolle Marotte mit dem Klassiker „der will doch bloß spielen“ gerechtfertigt wird, empfindet mensch bei Spezies ab spätestens Kniehöhe eines Hundes als unangenehm – selbst wenn die dahinter stehende Energie dieselbe wäre. Übererregung und Spieltrieb wird so gerne verwechselt.

Rhodesian Ridgeback Floyd spielt frei mit einer Artgenossin am Strand in Dänemark.

Der Ton macht die Musik – Energie schwingt immer mit

Was mir die Kinder-Geschichte im Nachgang außerdem gezeigt hat, nämlich dass Floyd viel genauer liest, was gerade wirklich in mir vorgeht, als ich dachte, hat sich später an einer ganz anderen Stelle bestätigt. Auf einer Dorfstraße ohne Mittelstreifen, wo Autos fünfzig fahren dürfen und es auch tun. Weit weg vom wirklichen Durchgangsverkehr, jedoch je nach Tageszeit durchaus phasenweise viel befahren.

Kommt dort ein Auto und Floyd ist zehn Meter vor mir ohne Leine unterwegs, kommt er zu hundert Prozent, wenn ich ihn rufe. Oder geht bei entsprechender Ansage „zur Seite“ und „stoppt“.

Sofort, ohne Zögern.

Begegnet uns dagegen ein fremder Hund, und ich wünsche mir nur, dass Floyd zu mir kommt, ohne dass eine echte Gefahr besteht, klappt das bei Weitem nicht so zuverlässig.

Die Erkenntnis hat mich selbst überrascht: Ich kommuniziere offenbar anders, wenn echte Sorge und eine klare Absicht dahinterstehen, als wenn ich lediglich einen Wunsch äußere. Die Energie ist eine andere. Tiere sind da sehr feinfühlig und sensibel.
Floyd spürt meine Energie und hört meine Tonalität, lange bevor ich sie selbst bemerke.

Das ist für mich auch immer wieder ein Coachingthema, nämlich wie sehr die eigene innere Haltung nach außen trägt, ganz ohne dass man ein Wort mehr sagt.
Oder, wie schon Paul Watzlawik wusste: man kann nicht nicht kommunizieren.


Erst entscheiden, dann liebevoll konsequent bleiben

Wenn Floyd meine Tonalität so genau liest, dann liest er natürlich auch, ob ich eine Regel wirklich ernst meine oder nur so halb. Das habe ich an unserer Haustür gelernt.

Als er kein Welpe mehr war, bei dem schnelles Nach-draußen-bringen im Zusammenhang mit Stubenreinheit oberstes Gebot ist, wollte ich, dass er nicht mehr sofort aus der Tür stürmt, sobald sie aufgeht. Ich habe angefangen, mich erst zu sammeln, mit ihm Geschirr oder Halsband und Leine in Ruhe anzulegen, und erst weiterzumachen, wenn er selbst zur Ruhe kommt. Geht die Tür auf und er will trotzdem losstürmen, geht die Tür einfach wieder zu. Noch mal von vorn.

Es war eine Online-Hundetrainerin, die mich damals in ihren Videos nachvollziehen ließ, wie wichtig es ist, den Hund stets mitdenken zu lassen. Genau an der Stelle, an der ich die Tür schlicht wieder schließe, merkt Floyd nämlich seine eigene Selbstwirksamkeit. Ruhe wird belohnt. Abwarten wird belohnt. Geht er zu schnell los, geht die Tür wieder zu. Bleibt er sitzen, öffnet sie sich Stück für Stück. Als könne er das beeinflussen. ;o)

Das funktioniert natürlich nur, wenn ich selbst innerlich ruhig bin und ich mir die Zeit nehmen kann. Mit Zeitdruck im Nacken klappt es nicht, das musste ich mehr als einmal an mir selbst feststellen.

Genau das war auch schon meine nächste Lektion: Ich kann jederzeit entscheiden, etwas anders zu machen, darf es dann aber auch liebevoll und regelmäßig durchhalten, damit sich der gewünschte Erfolg am Ende auch einstellen kann.

Und noch eine Erkenntnis hat mir nur diese eine Szenerie gebracht: wenn es an einem Tag nicht klappt, startet morgen der nächste Versuch. Ich darf da auch ganz liebevoll mit mir selbst sein. Mit dem Hund sowieso.

Ein Hund, dem man sich so zuwendet, macht das mit. Je klarer der Rahmen, Montag wie Sonntag, bei guter wie bei schlechter Stimmung, desto mehr Freiheit kann ich ihm innerhalb dieses Rahmens auch geben. Das zahlt auf ein Verlässlichkeitskonto ein, das man sich nur durch Wiederholung aufbaut, nie durch eine einzelne gute Absicht.


Frustrationstoleranz ist keine Hundesache

Rhodesian Ridgeback Floyd balanciert achtsam auf einem Baumstumpf während eines Spaziergangs.

Dieses Verlässlichkeitskonto kannte ich eigentlich schon, bevor Floyd bei uns einzog. Ich habe ihn bekommen, als ich noch als Erzieherin gearbeitet habe. Die Parallelen zwischen Beziehung und Bindung bei Mensch und Hund haben mich von Anfang an fasziniert.

Frustrationstoleranz, Impulskontrolle, all das, was Kindern fürs Leben mitgegeben wird, zeigt sich im Hundetraining genauso. Vieles davon konnte ich in beide Richtungen übertragen, und es begegnet mir bis heute in meiner Arbeit im systemischen Feld.

Das vielleicht größte Learning dabei: wie wichtig es ist, in der eigenen Mitte zu bleiben. Nicht nur im Hinblick auf Floyd, sondern grundsätzlich im Leben. Das Nervensystem reguliert sich nicht durch Diskutieren, sondern durch ruhiges Sammeln und wiederholtes Dranbleiben, dieselbe Konsequenz, die schon an der Haustür funktioniert hat.


Wie sehr sich ein Leben insgesamt ändern kann

Die größte Verwandlung aber betraf nicht Floyd, sondern mich selbst, und sie begann schon vor ihm.

Bevor ich meinen Mann kennenlernte, hatte ich meinen ersten Burnout und eine lange Reha vor mir. In der Klinik war ein Patient, der sich nach einer Knie-OP mehr bewegen sollte und erzählte, wie sehr er es genieße, mit seinem Hund regelmäßig rauszugehen. Ich dachte nur: Jeden Tag raus müssen, bei jedem Wetter, was für eine Vorstellung, dazu hatte ich überhaupt keine Lust.

Heute ist es genau umgekehrt. Ich brauche es inzwischen regelrecht, rauszukommen. Mindestens zweimal am Tag. Bei Wind und Wetter. Ich könnte nicht mehr acht, neun Stunden nur am Schreibtisch sitzen, wie zu meinen Bürozeiten.

Rhodesian Ridgeback Floyd macht eine Pause neben einem Gazelle-Fahrrad während einer Radtour durch die Lüneburger Heide.

Mein Nervensystem reguliert sich unter anderem in der Bewegung. Meine Gedanken sortieren sich neu. Ich komme mit Ideen und integrierten Themen von Spaziergängen zurück, an die ich vorher gar nicht gedacht habe.

Auch meine Kleidung hat sich komplett gewandelt, weg von Kostüm und Heels oder fancy Schuhchen, hin zu selbstgenähter Funktionskleidung und einem ordentlichen Schuhrepertoire für jedes Jahreszeit und jeden Untergrund.

Dabei bin ich als Kind viele Kilometer zu Fuß gegangen, gemeinsam mit meinem Opa und einem Bollerwagen zum Holzmachen in den Wald, oder zu Fuß vom Dorf in die nächste Stadt zum Einkaufen und später mit dem Bus zurück. Alles ganz selbstverständlich.
Dieses Können und diese Selbstverständlichkeit waren zwischenzeitlich ganz offensichtlich schlicht und einfach verschüttet. Es gab eine Zeit, da habe ich mich ernsthaft gefragt, wie viele Meter am Stück ich überhaupt noch zu gehen imstande bin.

Kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen. Mein Mann nennt mich inzwischen liebevoll Schlenker-Kati, wenn meine Gänge mit Floyd wieder einmal deutlich länger dauern, als die Strecke, die ich beim Losgehen angepeilt hatte, im Schnitt dauert. Ich genieße es total, je nach Tag und Stimmung immer mal einem Impuls – mal meinem, mal Floyds – zu folgen. Ich glaube, dass ich wenige Strecken, die ich bislang gegangen bin, schon oft gegangen bin. Irgendwie gestalten wir jeden Tag mehrfach anders, fahren auch oft irgendwohin – ich liebe das.

Zu meinem größten Glück, kann ich daher heute sagen, haben mir Floyd, und Keira, die erste Hündin, mit der ich zusammenleben durfte, das Entdecken, Einlassen und gerne Spazieren gehen zurückgegeben.
Was für eine Lebensqualität.

Manchmal werde ich gefragt, ob Floyd gut erzogen ist.
Ich lächle dann und zucke mit den Schultern.
Denn wenn ich ehrlich bin, hat er mindestens genauso viel zu meiner Entwicklung beigetragen wie ich zu seiner.
Vielleicht ist genau das das Schönste am Zusammenleben mit einem Tier.
Dass man nie genau sagen kann, wer hier eigentlich wen coacht.

Portrait von Katja und Katja mit ihrem Rhodesian Ridgeback Floyd auf einem Herbstspaziergang durch die Lüneburger Heide.

Von Katja Schoonbergen

Hej, ich bin Katja – Tiefendialog Coach und Begleiterin für bewusste innere Prozesse. In einem sicheren Rahmen entsteht Raum für achtsames Wahrnehmen, kreative Prozesse und echte Begegnung – ohne Bewertung. Ich glaube daran, dass nachhaltige Veränderung dort entsteht, wo wir uns selbst begegnen – echt, unperfekt und in unserem eigenen Tempo.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert