Was willst du denn damit mal machen?

Veröffentlicht am Kategorisiert als Persönliches, Reflektionen 2 Kommentare zu Was willst du denn damit mal machen?
Bücher über Ägyptologie neben ägyptischen Katzenfiguren auf einem Gartentisch.
Sammlung von Lehr- und anderen Büchern über Ägyptologie.

Manche Fragen begleiten uns ein Leben lang.

Was willst du denn damit mal machen? war für mich eine davon. In diesem Artikel nehme ich dich mit auf meine Gedankenreise – von ersten Zweifeln bis zu einer Antwort, die sich erst nach und nach gezeigt hat.


Dä Plan

Morgens war ich mit einem ziemlich klaren Gedanken aufgewacht: Heute möchte ich meiner Homepage ein Stück mehr Klarheit schenken. Das 7-Tage-Journal soll endlich seinen Platz finden. Und das, was längst da ist, darf auch nach außen sichtbarer werden.

Klang nach einem Plan.
(Nun ja … der Plan stand. Das Journal wartet bis heute darauf, vollständig in die Welt zu kommen. Auch das gehört wohl dazu.)

Bis das Leben anfing, seine eigenen Karten auf den Tisch zu legen.


Da lief der Countdown für eine Investition in eine Community, mit deren Buchung ich seit Tagen liebäugelte. Ein Angebot, das ich wirklich gut finde und von dem ich mir viel verspreche.

Mir fielen direkt noch weitere, anstehende Verpflichtungen ein, womit mich meine finanzielle Realität einholte. Nicht dramatisch. Aber spürbar genug, dass mir kurz schlecht wurde.


So war das damals

Ausgerechnet an diesem Morgen hatte ich in ein Interview mit Stephan Schäfer im Podcast ‚happy, holy & confident®‘ von Laura Malina Seiler hineingehört. In ein Gespräch über die Frage, wie wir unsere wahre Berufung finden. „Folge deiner Leidenschaft, egal, was andere sagen.“

Schäfer war viele Jahre erfolgreicher Medienmanager. Mit knapp 50 begann er noch einmal neu und schrieb den Roman 25 letzte Sommer. Im Interview erzählte er von einer Erfahrung, bei der ich sofort innerlich hängen blieb.

Schon als Jugendlicher insbesondere im Rahmen einer Berufsberatung sei ihm sinngemäß vermittelt worden, dass jemand mit seinen Talenten und Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt kaum gebraucht werde. Ich hörte das und konnte seinen Satz bestätigen: „So war das damals.“ Ich könnte ähnliche Geschichten erzählen:

Vom Zeichnen der Kleidung, die ich später Nähen wollte als Modedesignerin.
Von der Schneider-Ausbildung, die ich gern gemacht hätte, weil ich seit jeher pragmatisch veranlagt bin und erst das Handwerk beherrschen wollte.
Von meinem Studium der Ägyptologie, Archäologie und Anglistik.
Und von dieser Frage, die zuverlässig hinterherkam:
Was willst du denn damit mal machen?

Das Interview verdeutlichte mir allerdings die größere Auswirkung der seinerzeitigen Art, mit Menschen am Arbeitsmarkt umzugehen. Das war gar nicht nur meine persönliche Geschichte. Viele von uns sind in einer Zeit groß geworden, in der Berufsorientierung vor allem bedeutete, herauszufinden, wofür der Arbeitsmarkt uns gebrauchen kann.

Weniger:

Was begeistert dich?

Wobei vergisst du die Zeit?

Was möchtest du ausprobieren?

Welche deiner Fähigkeiten könnten sich auf eine Weise verbinden, die heute noch niemand absehen kann?

Stattdessen:

Was willst du denn damit mal machen?

Kannst du damit später etwas werden?

Ist das keine brotlose Kunst?

Als müsste vor dem ersten Schritt bereits feststehen, wo der Weg endet. Als wäre eine Begabung erst dann sinnvoll, wenn jemand eine passende Stellenanzeige dafür vorlegen kann. Als müsse ein junger Mensch seinen späteren wirtschaftlichen Nutzen beweisen, bevor er überhaupt Gelegenheit hatte, sich selbst kennenzulernen.

Das hat mich sicher auch deswegen berührt, weil ich einerseits inzwischen von mir weiß, dass ich beim Schreiben lerne. Dann reflektiere und verknüpfe ich, komme weiter, während ich schon losgehe.

Ich weiß auch, dass ich manche Ängste überwinden kann, indem ich ihnen mutig entgegengehe oder sie eben mitnehme. Dann kann ich sie mitunter als reines Gedankenkonstrukt entlarven.
Denn Angst entsteht oftmals als ein Produkt unserer Gedanken, Phantasie und Gefühle. Und ich bin überzeugt: sie will uns immer auf etwas hinweisen. Manchmal ist sie eher diffus. Gefahr hingegen ist konkret.

Andererseits waren meine Gefühle von damals binnen Bruchteilen von Sekunden wieder so präsent, als lebte ich genau in diesem Moment in jener Erfahrung.

Das, so meine ich, gehört zu unseren Aufgaben:

Die Gefühle halten, ohne sich in ihnen zu verlieren.
Und sie behutsam in den heutigen Kontext einordnen:
Ist das heute wirklich noch genau so?
Will ich das weiterhin glauben?

Oder spricht da möglicherweise eine Erfahrung aus einer Zeit, in der meine Möglichkeiten tatsächlich andere waren?

Beides darf sein.


Illustration eines WunderBAR-Cocktails am Strand als Einladung zur wunderBAR-e-Post mit kreativen Impulsen, Humor und Inspiration.

Nutzen, was ist

Ich habe Ausbildungen, Wissen, Ideen, Produkte, Angebote und inzwischen eine beachtliche technische Infrastruktur. Ich habe eine erfolgreiche Blog-Mentorin. Ich habe eine erfolgreiche Business-Mentorin.

Ich habe einen Blog. Eine Homepage. Einen Newsletter. Ein veröffentlichtes Reisetagebuch. Ein 7-Tage-Journal in den Startlöchern. Meine CoachBAR. Meine wunderBAREn Anlegestellen im Feldversuch.

Ziemlich viele Fäden also, die gerade beginnen, sich miteinander zu verweben. Mehr als genug, um damit zu arbeiten und mit Liebe zu verkaufen.

Also: Konsolidierungskurs.

Segel setzen. Durchatmen. Gemütlich weitermachen. Pausen nicht vergessen. Und mich freuen, dass erste Samen aufzugehen beginnen.
Klingt vernünftig.

Fühlte sich allerdings lange gar nicht vernünftig an. Eher nach Gemischtwarenladen.


Und dann fand ich diesen Artikel

Eigentlich wollte ich vor meinem Klarheitsmarathon (weil mir die anschließende technische Umsetzung immer noch nicht so leicht von der Hand geht, da die Tücke oftmals im viel zitierten Detail steckt) nur nachsehen, ob ich meinen aktuellen Blogartikel über die Entstehungsgeschichte meines Dänemark Reisetagebuchs schon in die Feedbackrunde meiner Blog-Community gegeben hatte.

Die Blog-Community. Was für einen Ort ich da gefunden habe bei Judith Peters mit vielseitigen Menschen unterschiedlichster Interessen. Ein nie versagen wollender Quell an Inspiration.

Ich schätze dort jeden und jede einzelne, die sich Zeit nimmt, einlässt, Inhalte auf Plausbilität prüft und mir spiegelt, was stimmig ist und was nicht, und wo ich zugunsten einer gemütlicheren Lektüre noch etwas verbessern kann. Dafür, dass man sich das Geschenk dieser wert-vollen Zeit, bereichernden verdient, gibt man – so der Deal – seinerseits Feedback.

Es ist exakt das gemeinsame, wertschätzende Miteinander, das ich im Rest der Welt oftmals vermisse, weil dort Meinung und Ahnung nicht im günstigsten Verhältnis stehen. Was übrigens Feedback originär meint und von Meinung unterscheidet, darüber habe ich hier geschrieben.

Während ich also voller Neugierde luschere, wessen Artikel mit welchem Inhalt ich zum feedbacken erwarten darf, traf mich statt dessen etwas Anderes – und das mit voller Wucht.

Birgit Elke Isings Artikel über die Frage: „Warum weiß ich nicht, wer ich bin?“ Sie schreibt über Identität als etwas, das wir womöglich nicht als eine feste, widerspruchsfreie Wahrheit finden müssen. Ein Gedanke darin traf mich in ihrer bewegenden Geschichte besonders:

„Identität ist keine Wahrheit, die du findest. Sie ist ein Widerspruch, den du aushältst.“

Ihr Artikel beschreibt unter anderem, wie der Raum zur eigenen Identitätsentwicklung fehlen kann, wenn ein Kind früh damit beschäftigt ist, Stimmungen, Bedürfnisse oder Krisen der Erwachsenen wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Am Ende wird nicht nur die Frage in den Raum gestellt: Wer bin ich?, sondern sehr konkret:
Wann waren wir zuletzt wirklich glücklich und was haben wir dabei getan?

Ich saß da und merkte:
Das trifft etwas.
Wenngleich meine Rolle in meinem Familiengefüge eine ganz andere war.


Die Rebellin

Anders als die Autorin war ich nicht nur lieb, leise und angepasst. Ich war stets auch Rebellin. Diejenige, die Dinge hinterfragte. Die widersprach. Es ging mir dabei selten um das Widersprechen an sich – auch wenn sich naturgemäß manchmal Trotz seinen Weg bahnte -, es ging mir zumeist um der Sache. Irgendwo in mir wusste ich oft: Hier stimmt etwas nicht.

Gleichzeitig war ich die, die daheim achtsam antizipieren musste, in welche Richtung sich die Stimmung gerade zu entwickeln begann. Mit sehr feinen Antennen. Diejenige, die Anerkennung für Leistung bekam. Die in der herausfordernden Pubertät im Wesentlichen mit Überleben beschäftigt war. Die sich einem unverstandenen Umfeld mit zunehmendem Gefühl von Ausschließen und Entfremdung ausgeliefert fühlte. Die Bedrohung und Gewalt ertragen musste. Am Ende vor allem mit einer Hoffnung: Irgendwie durchs Abi zu kommen.

Während andere schon lange Bewerbungen geschrieben und teilweise ihre Ausbildungsverträge unter Dach und Fach hatten oder sich mit TOEFL- und ähnlichen Tests für die Aufnahmeprüfung zu ihrem Wunschstudiengang vorbereiteten, habe ich höchstens darüber nachgedacht, womit ich wohl möglichst schnell das Geld verdienen könnte, das mir erlaubt, auszuziehen. Auf meiner Agenda stand ausziehen = in Sicherheit bringen ganz oben. Dann lange gar nix.

Heute würde ich sagen: als erstes braucht der Mensch Sicherheit.

Genau darin liegt ein Teil der Traurigkeit, die mich beim Lesen so unerwartet erwischt hat.
Nicht nur in der Angst, die wieder kurz spürbar wurde: Kann ich mit meiner Kreativität meinen Lebensunterhalt verdienen? Geschürt von alten Glaubenssätzen über „brotlose Kunst“.
Sondern auch in der Erkenntnis, dass ich damals gar nicht wirklich den Raum hatte, herauszufinden, was ich einmal mit meinem Leben machen möchte.
Wo meine Talente und Fähigkeiten wirklich liegen, welche ich vielleicht noch gar nicht kannte, und wie ich sie zum Einsatz bringen kann.


Was macht dich eigentlich glücklich?

Während ich weiter darüber nachsann, fiel mir eine Nachricht ein, die ich bis heute nicht beantwortet habe. Sie kam von meiner ersten Freundin. Meinem späteren „Schwesterchen“, wie wir uns liebevoll nennen. Wir sind zusammen aufgewachsen und könnten in vielem kaum unterschiedlicher sein.

Sie ist ein sehr früher Vogel. Sie liebt Pferde. Hat mit der Unterstützung ihres Mannes eine Zucht aufgebaut. Ein eigenes Gestüt. Sie arbeitet mit Pferden. Reitet. Und gibt ihre Art zu reiten weiter. Vor einigen Jahren besuchte sie mich zu meinem Geburtstag. Mit dem Wohnmobil. Morgens stand sie mit ihrem Mann in ihrem gewohnten Rhythmus auf. Früh. Sehr früh.

Zu dem Zeitpunkt schlief ich noch tief und fest. Mein Mann sowieso. Der hatte nämlich die Woche über Nachtschicht gehabt und lebte daher in seinem eigenen Rhythmus. Er arbeitet seit Jahrzehnten im Schichtdienst. Hielte er sich nicht diszipliniert an seinen Schlaf-Wach-Rhythmus, wäre er heute nicht so gesund, wie er ist. Selbstfürsorge in ihrer männlichen Form.

Was machte meine Freundin nun mit ihrem Mann – wissend um unsere asynchronen Lebensmodelle? Sie stellten sich im Hof Tisch und Stühle auf. Tranken ihren ersten Kaffee mit – oder vor – den ersten Vögeln. Gingen spazieren. Bis wir irgendwann gemeinsam früh- respektive spätstücken konnten.

Eigentlich hätte alles gut sein können. War es vermutlich sogar.
Nur ich machte mich verrückt. Fühlte mich nicht als vollwertige Gastgeberin. War überfordert mit all den Ansprüchen, die vor allem in meinem eigenen Kopf existierten.

Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass sie seinerzeit einfach schon viel mehr bei sich war. Wahrscheinlich würde sie sagen: wegen der Pferde.

Im vergangenen Jahr schrieb sie mir im Zusammenhang mit meinem noch unsicheren Schritt in die Selbständigkeit etwas, das mich tief berührte. Und gleichzeitig so unendlich traurig machte, dass ich bis heute noch nicht darauf antworten konnte.

Sie wünschte mir von Herzen, dass ich einmal finden möge, was ich wirklich möchte.

Dann erzählte sie von einer Hochzeitsfeier, bei der sie mit einem ihrer Pferde die Braut zum Bräutigam geführt hatte. Auf ihrer Homepage sah ich wunderschöne, beeindruckende Fotos.
Später, schrieb sie, saß sie beim Essen mit Künstlern, Fotografen und Musikern zusammen, die als Dankeschön eingeladen waren. Dabei beobachtete sie etwas: Diese Menschen machten, was sie machten, aus sich heraus. Nicht zuerst mit der Frage, ob andere etwas davon haben.

Sie selbst, schrieb sie, reite für sich. Es gebe für sie nichts Schöneres. Wenn sie anderen mit ihrem Wissen helfen könne: umso besser.

Ich solle also nicht fragen:
Was kann ich der Welt bieten? Sondern: Was macht mich glücklich?

Sie habe ihre Pferde und ihre Familie. Mehr brauche sie nicht.

Ich fand das wunderschön.

Und gleichzeitig ganz furchtbar.

Weil ich es nicht wusste.
Ü-ber-haupt nicht.
Immer noch nicht.
Mit über 50!


Der einen Pferd ist der anderen Traumfänger

Es gibt im Rheinischen den Spruch:
Dem Ejn sing Üül is dem Aandere sing Nachtijall.
Des einen Eule ist des anderen Nachtigall.
Bei mir vielleicht so: Der einen ihr Pferd ist der anderen ihr Traumfänger.

Heute frage ich mich: Habe ich all die Jahre geglaubt, ich müsste eine Antwort finden, die so aussieht wie ihre? Diese eine Sache?
Mein Äquivalent zu ihrem Pferd. Das eindeutige Ding, bei dem ich endlich sagen kann: Das bin ich. Das will ich. Dafür bin ich hier. Dafür brenne ich, wie es so oft so einfach heißt.

Was, denke ich mehr und mehr, wenn meine Antwort anders aussieht? Weil ich für so vieles brenne und mich begeistern kann?
Was, wenn es mich nur glücklich macht, wenn ich das alles machen kann: Schreiben. Zeichnen. Lernen. Nähen. Zusammenhänge entdecken. Menschen berühren. In die Weite schauen. Mit meinem Hund durch Wald und Heide gehen. Mit meinen Katzen kuscheln. Tiere beobachten. Am Meer sein. Einen Satz – oder Blogartikel – finden, der plötzlich eine Tür aufschließt. Eine Idee gut finden, verbessern, anpassen und ins Leben rufen und damit real werden lassen. Rebellisch widersprechen. Mit Worten und Sprache spielen. Etwas Eigenes erschaffen. Fäden ziehen. Verknüpfen. Aufnehmen.

Und da ist noch etwas.

„Wenn mir etwas nicht gefällt oder etwas fehlt, mache ich es halt selbst.“

Handgezeichneter Poller mit Tau – Signatur von Katja SchoonbergenKatja Schoonbergen

Sofern ich es kann. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger klingt das nach einer beiläufigen Marotte.
Wenn etwas fehlt, beginne ich zu suchen.
Wenn etwas für mich nicht passt, frage ich mich, wie es anders gehen könnte.
Wenn ich nicht finde, was ich brauche, fange ich an zu gestalten.
Ich probiere.
Ich verwerfe.
Ich mache etwas daraus.
Verbinde Dinge miteinander, die auf den ersten Blick gar nicht zusammengehören.

Dass ich als Generatorin offenbar nicht erst den vollständigen Plan brauche, bevor ich losgehe, beschäftigt mich schon länger. Beim Schreiben wird mir oft klar, was ich vorher nur diffus gespürt habe. Darüber habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben …

Was, wenn ich all die Jahre nach meinem „Pferd“ gesucht habe — und längst etwas völlig anders habe? Während ich diesen Gedanken denke, entsteht vor meinem inneren Auge ein Bild.

Das Bild eines Traumfängers.

Viele einzelne Fäden. Keiner von ihnen ist das Ganze. Erst durch ihre Verknüpfungen entsteht das Muster. Je verwobener, desto schöner und filigraner.
Fäden kreuzen sich. Halten einander. Nehmen Spannung auf. Lassen Zwischenräume entstehen.
Manche scheinen zunächst lose Enden zu sein und finden viel später ihren Platz.

Mein Studium. Meine juristische Ausbildung. Mehr als 20 Jahre Assistenz- und Vorstandswelt. 10 Jahre Selbständigkeit mit meinem Schreib- und Büroservice. Meine pädagogische Ausbildung. Zehn Jahre mit Kindern. Meine Burn-outs.
Tiefendialog. Traumasensibilität. Schreiben. Zeichnen. Sketchnotes. Bücher und Journals. Coaching. Natur. Sprache. Rebellion. Leichtigkeit. Tiefe.

Mir schwant, ich habe zu lange nach dem einen, dem roten Faden gesucht, der mir endlich erklärt, wer ich bin und was ich damit mal machen kann.

Dabei entsteht mein Bild womöglich genau zwischen den Fäden. In den Verbindungen. In dem, was ich miteinander verknüpfe. Sowie in den Zwischenräumen.

Ausgerechnet – ich wollte schließlich als erstes Schneiderin werden oder Schaufensterwerbegestalterin.
Was für ein Wort für’s Galgenmännchen-Spiel – oder für Scrabble.


Ich bin so

Noch ein anderer Faden wurde mir beim Lesen von Birgits Artikel bewusst.

Während meiner Umschulung zur Erzieherin stand an meiner Hamburger Schule etwas im Zentrum, das mich bis heute prägt:
Die Aus-Bildung der eigenen Haltung.

Meine Lehr-meisterinnen und Lehr-meister, so mag ich sie einmal nennen, haben mich auf den Weg gebracht, zu erkennen, wie wichtig es ist, Menschen und ihr Verhalten in ihren jeweiligen Kontexten zu betrachten. Systemische Betrachtungsweise.

Trotzdem merke ich beim Labeln einer Nische im Coaching, dass ich mich bis heute schwertue, mir „Systemischer Coach“ auf die Fahne zu schreiben.

Warum?
Na ja, ein Teil von mir denkt schlicht: Ja, wie denn sonst, wenn nicht systemisch? Menschen leben nicht im luftleeren Raum. Verhalten entsteht nicht im Nirvana. Wir stehen nun einmal in Beziehungen, Kontexten, Erfahrungen, Rollen und Wechselwirkungen.

Auf das pralle Leben angewandt, und in den Beobachtungen, Reflektionen und Supervisionen analysiert, verstand ich damals etwas Weiteres, sehr Wesentliches: „Ich bin“-Zuschreibungen möglichst zu vermeiden.

Ein Mensch ist nicht schwierig. Ein Mensch ist nicht aggressiv. Ein Mensch ist nicht egoistisch.

Sein Verhalten in einer konkreten Situation kann so bewertet werden. Besser und hilfreicher als eine Bewertung wäre es, in den Dialog zu gehen und zu klären: Was du hier gerade tust, ist für mich nicht akzeptabel. Weil es eine Grenze überschreitet. Weil es die Gruppe betrifft. Weil es den Raum eines anderen Menschen bedroht…

Und gleichzeitig darf ich gemeinsam erkunden:
Was zeigst du mir gerade?
Was zeigt mir dein Verhalten?
Was brauchst du jetzt?
Was ist dir wichtig?
Was versuchst du möglicherweise zu schützen?
Genau so wie:
Was lese ich, was du gar nicht sagen willst, weil bei mir alte Muster anspringen?

Die Essenz: Der Mensch bleibt wertvoll. Wunderbar und einzigartig.
Will gesehen werden. Will teilhaben. Will Anteil nehmen. Will Autonomie.
Das Verhalten darf zur Diskussion stehen, Kompromisse dürfen abgesprochen werden.
Das ist vielleicht eine meiner ältesten Haltungen:

Meine Freiheit hört da auf, wo die des anderen beginnt.

Alles weitere handeln wir aus. Damit wir miteinander gut leben können. Und wollen. Weil das die Basis von Gemeinschaft ist.


Widersprüche aushalten heißt nicht: Alles ist okay

Mich berührt das Thema Ambiguitätstoleranz sehr. Es zählt aus biografischen Gründen zu meinen wichtigsten Lern- und Entwicklungsfeldern. Denn Widersprüche auszuhalten bedeutet für mich nicht: Alles ist okay. Auch nicht, dass jedes Verhalten akzeptiert werden muss. Erst recht nicht, dass eine Grenzüberschreitung „lediglich eine andere Perspektive“ sei.

Nein.

Es gilt zu differenzieren.

Wie albern und typisch Sozialpädagogik fand ich das damals manchmal, wenn wir etwas wieder einmal differenzierter betrachten sollten. Weil es ständig und überall aufzutauchen schien, wurde es manchmal zum running gag.
Und doch: ist das nicht genau das, worum es im Leben geht?

Ich kann sagen:
Dieses Verhalten ist nicht okay.
Und gleichzeitig: Du bist okay.
Du bist mehr als dieses Verhalten.
Davon abgesehen, dass sich dieses Verhalten höchst wahrscheinlich in bestimmten Zusammenhängen zeigt. In anderen nicht.
Und das hat einen Grund. Immer.
Den herauszufinden ich auf einer persönlichen Reise immer besonders spannend finde.

Letztlich ist genau das gelebte Ambiguitätstoleranz.

Beim Reflektieren über die Wirkung von Birgits Artikel auf mich habe ich gemerkt, dass ich anderen diesen Raum schon sehr lange zugestanden habe: Kindern. Familien. Systemen. Freunden. Menschen in ihren jeweiligen Kontexten.

Ihn mir selbst in derselben Weise zuzugestehen und geben, ist mir wohl noch nicht ganz so vertraut.
Der Rebellin und der Antizipierenden.
Der Mutigen und der Ängstlichen.
Der Kreativen und der wirtschaftlich Rechnenden.
Derjenigen, die Freiheit braucht und Verbindung will.
Der, die sich regelmäßig zurückzieht und der, die Kontakt liebt und sichtbar werden möchte.
Der Frau, die einen Plan braucht.
Und der Generatorin, die aufs Leben reagiert.


Das Universum hat Humor

Schließlich war ich neugierig auf die Autorin und sah nach, wer diesen Artikel eigentlich geschrieben hatte.

Eine Frau, die sich als Expertin für Transformationsunterstützung beschreibt. Die heute mit kreativen Coaching-, Theater- und Schreibtechniken arbeitet. Die Menschen aus der Schwere ins Handeln begleitet. Die für mehr improvisierte Leichtigkeit und Sandkastengefühle antritt. Die sich mit generationenübergreifenden Traumata beschäftigt.

Mehr als 35 Jahre in einer großen deutschen Bank. Managerin. Führungskraft für Millionenprojekte.
Burn-out.
Coaching-Weiterbildung. Schauspiel. Improvisationstheater. Revolte. Freiheit. Leichtigkeit.

Und ich saß da.
Mit meiner juristischen Ausbildung. Mit meinen mehr als 20 Jahren Assistenz- und Vorstandswelt. Meinen 10 Jahren Selbständigkeit mit Schreib- und Büroservice.
Burn-Out.
Meiner pädagogischen Ausbildung. Zehn Jahren Arbeit mit Kindern.
Burn-Out.
Tiefendialog. Traumasensibilität. Kreativität. Sketchnotes. Schreiben. Journals. Coaching. Rebellion.
Und meinem Satz: Tiefe darf leicht sein.

Ganz ehrlich? An dieser Stelle darf man dem Universum schon einmal einen ziemlich ausgeprägten Sinn für Humor unterstellen.


Exakt ein Jahr

Um dieser Dramaturgie noch das Tüpfelchen auf dem i hinzuzufügen, zeigte mir Facebook am selben Tag eine Erinnerung:
Exakt vor einem Jahr hatte ich es geschafft, meine erste Homepage online zu stellen, die ich selbst erstellt und konzipiert hatte. Gefeiert mit einem meiner ersten mutigen Reels.

Ein Jahr. So lange dauert diese Reise bislang – plus Vorbereitungsjahr. Plötzlich sah ich gar nicht mehr, was noch fehlt.

Ich sah vor allem, was alles inzwischen da ist. Was ich in all der Zeit erschaffen habe:

Einen Blog. Eine neue Homepage. Regelmäßige Newsletter. Zwei Journals. Die CoachBAR. WunderBARe Anlegestellen. Audios. Meditationen. Sketchnotes. Artikel. Eine Stimme, die immer mehr meine wird.

Dazu gibt es immer mehr Menschen, die bei mir lesen. Menschen, die mir antworten. Menschen, die anlegen. Ruhiger werden bei mir. Wieder ankommen bei sich.

Vielleicht also ist die ehrlichste Antwort, die ich heute auf die alte Frage geben kann:

Was willst du denn damit mal machen?

Ich weiß es noch nicht.
Jedenfalls nicht in aller Vollständigkeit.
Ist auch gar nicht notwendig.

Die Frage nach dem Ziel macht mir nach zig persönlichen und beruflichen Neuanfängen längst keine Angst mehr.

Denn ich habe verstanden: Ich lerne im Handeln. Ich komme weiter, während ich gehe. Ich gehe mit Angst und Mut. Und im Wesentlichen antworte ich auf das, was mir begegnet. Als Generatorin, wie ich es nach dem Human Design bin. Als Rebellin. Als Frau, die zunehmend lernt, ihre eigenen Widersprüche nicht mehr auflösen zu müssen. Sondern mit ihnen zu leben. Zu arbeiten. Zu schreiben. Zu gestalten. Ihr eigenes Geld zu verdienen.

Auch Stephan Schäfer, mit dessen Interview an diesem Morgen so einiges in Bewegung kam, erzählte von dem, was er seinen Kindern mitgeben wolle: Dass ein Neuanfang möglich ist. Dass man unsicher sein darf. Dass man nicht immer wissen muss, worauf etwas hinausläuft, das einen ruft. Dass eine Rolle nicht darauf reduziert werden darf, Geld zum Verwirklichen anzuhäufen, sondern Zeit miteinander zu verbringen.

Mal schauen.

Es ist, wie es ist. Und es wird, was wir daraus machen.


Und was ist mit dir?

Suchst du noch nach deinem roten Faden?
Nach der einen Antwort darauf, wer du bist, was du willst oder wofür du brennst?

Erlaube dir einen Moment, diese Fragen unbeantwortet zu lassen.

Nimm stattdessen wahr, was gerade da ist.


Jetzt bist du dran – wenn du magst

Beim Schreiben dieses Artikels ist mir noch einmal klar geworden:

Ich habe lange nach dem einen roten Faden in meinem Leben gesucht. Heute erkenne ich ein Muster aus vielen Fäden, die sich im Laufe meines Lebens miteinander verbunden haben.

Diese Gedanken ließen mich nicht mehr los. Daraus entstand schließlich meine erste Blogparade. Was genau das ist und wie sie funktioniert, findest du hier.

Begleitet dich diese oder eine ähnliche Frage auch?

Dann erzähl gerne deine Geschichte. Ich freue mich darauf, die Fäden kennenzulernen, die dein Leben geprägt haben – und das Muster, das daraus entstanden ist.

Hier geht es zu meiner Blogparade.


Vom Verstehen ins Erleben

Dieser Artikel erzählt von einer Erkenntnis. Manche Erkenntnisse entstehen beim Schreiben. Andere im Gespräch mit einem Gegenüber.

Mein Coaching schafft den Raum, in dem aus Erkenntnissen Erfahrungen werden dürfen.

Genau das erlebe ich in meiner Arbeit mit Menschen. Gemeinsam schauen wir auf die Fäden deines Lebens.
Erfahrungen, Interessen, Umwege und Sehnsüchte stehen oft scheinbar unverbunden nebeneinander.

Erst im gemeinsamen Blick werden Zusammenhänge sichtbar. So entsteht nach und nach ein ganz individuelles Muster – oder ein längst vorhandenes wird wieder sichtbar.

Wie ich Menschen auf diesem Weg begleite und welche Haltung meiner Arbeit zugrunde liegt, beschreibe ich in meinem Curriculum mobile.

Neugierig geworden?

Mehr über meine Begleitung findest du hier im Artikel Vom Verstehen ins Erleben – wie du 2026 mit mir zusammenarbeiten kannst .

Von Katja Schoonbergen

Hej, ich bin Katja – Tiefendialog Coach und Begleiterin für bewusste innere Prozesse. In einem sicheren Rahmen entsteht Raum für achtsames Wahrnehmen, kreative Prozesse und echte Begegnung – ohne Bewertung. Ich glaube daran, dass nachhaltige Veränderung dort entsteht, wo wir uns selbst begegnen – echt, unperfekt und in unserem eigenen Tempo.

2 Kommentare

  1. Liebe Katja,

    ich habe mich in deinem Artikel an vielen Stellen wiedererkannt; besonders in der Suche nach dem einen roten Faden und in der Vorstellung, irgendwann eine eindeutige Antwort auf die Frage finden zu müssen, wer wir sind und wofür wir eigentlich hier sind.

    Dein Bild vom Traumfänger mit seinen vielen Fäden, Verbindungen und Zwischenräumen finde ich wunderschön und sehr stimmig. Vielleicht entsteht unser Leben weniger aus einer klar umrissenen, unveränderlichen Identität als aus all dem, was sich im Laufe der Zeit miteinander verbindet.

    Mir persönlich hat die buddhistische Weisheitslehre noch einmal einen gehörigen Schub gegeben, mehr Ambiguitätstoleranz aufzubringen. In der kontemplativen Psychologie ist die Ichlosigkeit ein zentraler Gedanke. Damit ist gemeint, dass kein festes, unveränderliches Ich gibt, das wir nur noch finden und eindeutig beschreiben müssten. Wir entstehen immer wieder neu – in Beziehungen, Erfahrungen, Kontexten und in der Art, wie wir auf das Leben antworten.

    Gerade im Hinblick auf Kinder finde ich diesen Gedanken besonders wichtig. Meine Älteste ist gerade in dem Alter, in dem sie darüber nachdenkt, was sie später einmal machen möchte. Ich wünsche ihr, dass sie diese Frage nicht als Aufforderung versteht, sich möglichst früh auf eine einzige Version ihrer selbst festlegen zu müssen. Vielmehr darf sie ausprobieren, Umwege gehen, Widersprüche aushalten und sich immer wieder neu entdecken.

    Umso mehr berührt mich dein Gedanke, dass wir unsere Widersprüche nicht auflösen müssen. Dass die Mutige und die Ängstliche, die Kreative und die wirtschaftlich Denkende, die Planende und die spontan Reagierende gleichzeitig da sein dürfen.

    Danke für diesen offenen, vielschichtigen und sehr persönlichen Artikel. Er wirkt nach und macht Mut, die Frage „Was willst du denn damit mal machen?“ nicht vorschnell zu beantworten.

  2. Liebe Pia,

    hab ganz herzlichen Dank für dein wundervolles Feedback. 🧡
    Beim Lesen hatte ich mehrfach das Gefühl: Ja, genau darum ging es mir.

    Und gleichzeitig hast du meinen Gedanken mit deinem Blick auf Ambiguitätstoleranz und die buddhistische Weisheitslehre noch einmal eine neue Facette geschenkt.
    Besonders berührend fand ich den Gedanken an deine Tochter. Wie schön wäre es, wenn junge Menschen gar nicht erst glauben müssten, sich möglichst früh auf eine einzige Version ihrer selbst festlegen zu müssen.

    Dass ausgerechnet der Traumfänger bei dir nachklingt, freut mich ganz besonders. Das Bild hat sich während des Schreibens ent-wickelt – oder gewoben – jetzt weißt ich, dass es trägt. Wie schön, dass genau das bei dir angekommen ist.

    Danke für deine Zeit, deine wertschätzenden Worte und diesen wunderbaren Gedankenaustausch. Genau dafür liebe ich das Bloggen.

    Herzliche Grüße
    Katja

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