Wertschätzung von Lebensmitteln – oder: Was mein Kirschbaum mit meiner Entwicklung zu tun hat

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Selbstgemachte Kirschmarmelade vor einem Kirschbaum mit reifen Kirschen. Das Bild steht für Wertschätzung von Lebensmitteln, Dankbarkeit und bewussten Genuss.

Wertschätzung beginnt nicht auf dem Teller

Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade „Was bedeutet Wertschätzung von Lebensmitteln für dich?“ von Dr. Anke Cras. Anke ist Tierärztin und Landwirtin aus Leidenschaft, wie sie von sich sagt.

Als ich Ankes Aufruf zur Blogparade las, merkte ich schnell, wie intensiv mich dieses Thema beschäftigt. Die erste Assoziation ist oft das Wegwerfen: das Brot, das hart wird, die Reste, die keiner mehr anrührt, das Obst, das man kauft, im Sommer schon einmal im Kühlschrank lagert und dort fast vergisst. Über solche Dinge mache ich mir tatsächlich Gedanken.

Und trotzdem fängt Wertschätzung auch für mich woanders an. Sie beginnt in mir. In meiner Haltung. Und diese Haltung ist nicht von heute auf morgen entstanden. Sie ist gewachsen. Schritt für Schritt. Parallel zu meiner eigenen Entwicklung.

Genau davon möchte ich in diesem Beitrag erzählen. Kein Rezept, wie man es richtig macht – eher ein Weg, der bei mir mitten im Alltag begonnen hat, bei einem Baum in meinem Garten. Und eine Einladung, sich immer wieder einmal zu reflektieren und die eigenen Gewohnheiten zu überprüfen.


Mein Kirschbaum

2022 – so hat meine Fotorecherche ergeben – hing an meinem Kirschbaum zum ersten Mal eine Handvoll Kirschen, die wir wahrnehmen konnten, bevor unsere geflügelten Freunde mit dem Verzehr schneller waren. Die wenigen, die wir selbst pflücken konnten, waren dann auch noch sauer.

Wann Kirschen reif werden, das weiß ich seit meiner Kindheit. Meine Tante und ich feierten am selben Tag Geburtstag. Oft habe ich daher an meinem Geburtstag im Kirschbaum meiner Tante gesessen und gepflückt, um mich später im Kirschkernweitspucken mit meinen Cousins zu messen. Okay, von messen kann man insofern nicht wirklich sprechen, als deren Leistung für mich stets unerreicht blieb.
Aus dieser Zeit stammt meine Redewendung für Orte, die nicht weit weg sind: die liegen in Kirschkernspuckentfernung.

Verändert hat sich also etwas anderes: mein Blick darauf. Damit schließlich meine Einstellung und mit ihr meine Dankbarkeit, die zunehmend in den Vordergrund gerückt ist.

Heute trägt mein kleiner Kirschbaum – in dem noch lange kein Kind klettern und sitzen könnte – reich. Reich, sofern ich es als reich bewerte: viereinhalb Kilo Kirschen, die ich dieses Jahr zu Marmelade eingekocht habe, finde ich schon ganz beachtlich. Für die Vögel und Insekten blieb immer noch einiges hängen.

Und ich weiß: Es ist nicht allein der Baum, der Jahr für Jahr mehr gibt. Irgendwann hat sich mein Blick verändert. Aus einem flüchtigen Vorübergehen wurde ein bewusstes Wahrnehmen. Aus dem Freuen über die Ernte entstand Dankbarkeit.

Genau hier schließt sich für mich eine Brücke. Von der Dankbarkeit zur Achtsamkeit.


Erdbeeren im Dezember

Dass Kirschen im Sommer reifen, durfte ich also schon als Kind erleben. Mit anderen Dingen hat sich dieses Wissen erst entwickelt – parallel zu mir selbst.

Ich erinnere mich an den Moment, als ich Erdbeeren im Supermarkt kaufen konnte und mich zum ersten Mal fragte: Wo kommen die jetzt eigentlich her? Ihre Zeit im Garten ist doch wohl eher der Juni.

Erdbeeren im Dezember?

Auf einmal ergaben Tiefkühlfrüchte, denen ich lange skeptisch gegenüberstand, für mich mehr Sinn als so mancher andere Weg. Dabei ging es mir gar nicht um besser oder schlechter. Ich fing schlicht an, hinzusehen, statt nur zu greifen – und begann, mich intensiver zu beschäftigen und zu hinterfragen.
Am Anfang stand einfach Neugier.

Ein Lebensmittel wird für mich oft wertvoller, wenn es nicht jederzeit selbstverständlich verfügbar ist. Eine Erdbeere oder Mango im Winter essen zu wollen, finde ich grundsätzlich völlig in Ordnung. Und trotzdem reizt es mich, mich an dem zu orientieren, was gerade wächst und verfügbar ist. Unter anderem auch, weil ich damit Nachhaltigkeit verbinde, Transportwege, -ketten und -kosten und auch einen sozusagen naturgegebenen Ernährungsplan.


Der Blick hinter die Kulissen

Meine Perspektive hat sich noch einmal verschoben, als ich längere Zeit für ein Unternehmen tätig war, das Obst und Gemüse handelte, vertrieb und verkaufte.

Denn auch an diesem Handel – und dahinter – stecken Menschen. Arbeitsplätze. Produzenten. Vermarktung. Entscheidungen, die getroffen werden, lange bevor eine Frucht bei mir im Korb liegt.

Dabei habe ich manches erfahren dürfen, das meinem früheren Bild widersprach.

Zum Beispiel, dass nicht etwa der Wochenmarkt die beste Adresse für frische Früchte ist. Denn die Händler dort kaufen auf dem Großmarkt ein, was sie entscheiden. Das hat nicht zuletzt auch wirtschaftliche Gründe, die mit der besten Qualität nicht zwingend zu tun haben müssen.

Die wirklich erstklassige Ware – mit seeeehr anspruchsvollen Kriterien – bekommt man dagegen im Discounter. Die gibt es auf dem Großmarkt dann vielleicht gar nicht mehr zu kaufen.

Wusste ich vorher nicht. Woher auch?

Wie bei so vielem, gilt auch hier: Wer einmal hinter die Kulissen geschaut hat, urteilt seltener pauschal.
Häufiger mit echtem Interesse. Merkt außerdem, wie viel komplexer manche Dinge sind, als man auch nur geahnt hätte.


Perfektion ist eine Schablone

Da mag ich unbedingt direkt an unsere Anspruchshaltung anknüpfen. An die, die wir vielleicht dringend einmal überprüfen dürfen.

Es gibt nämlich tatsächlich Schablonen. Raster, durch die manche Äpfel buchstäblich fallen – und damit kategorisiert werden. Zu krumm, zu klein, zu eigen. Aussortiert nach Maßen und zumeist optischen Kriterien, nicht etwa nach Geschmack.

Wer aber einmal auf Teneriffa eine Banane direkt vom Baum gegessen oder in Griechenland eine Tomate im Laden des „Erzeugers“ gekauft hat, der weiß: Die sehen nicht aus, als wären sie mit Photoshop oder in Canva designt worden.

Ihren Geschmack indes vergisst man sein Lebtag nicht.


Mein Landschlachter und Floyd

Noch deutlicher wird meine Wertschätzung, wenn es um Fleisch geht.

Bei meinem Landschlachter bekomme ich das, was für den Menschen nicht verwertbar ist, für meinen Hund.

Da stirbt ein Tier in geziemenden Abständen – nicht in Masse, nicht ständig – und wird danach vollständig verwertet. Die warme Abluft seiner Heizanlage wird zum Trocknen von Ochsenziemern, Ohren, etc. genutzt.

Das erinnert mich an ein KiTa-Projekt, in dem wir uns mit der Lebensweise eines Stammes der Ureinwohner Amerikas beschäftigten. Wir ließen uns inspirieren, sammelten im Wald geeignete Äste, karrten die mithilfe eines Bollerwagens in die KiTa, bauten gemeinsam ein Tipi und knüpften Traumfänger.
Wir erfuhren, dass beispielsweise ein Tier, das gejagt und geschlachtet wurde, im Anschluss komplett genutzt wurde. Bis hin zur Haut, aus der Mokassins und anderes gefertigt wurden. Nichts blieb übrig. Nichts war selbstverständlich.

Für mich stecken in dieser vollständigen Verwertung drei Dinge, die ich gern voneinander trennen möchte: die Dankbarkeit, die Entscheidung und die Wert-Schätzung.
Der Dank für das, was das Tier uns gibt.
Die bewusste Entscheidung, wie ich damit umgehe.
Und der Respekt, der beides trägt – vor dem Tier und vor dem, was es uns schenkt.

Für mich sind das drei Gründe, warum mich die Bewegung weg vom Fleischkonsum bewegt – und ich die bewusste Auseinandersetzung damit für die Gesellschaft und den Tierschutz immens wichtig finde –, sie mir aber zugleich zu kurz gedacht erscheint.

Denn nicht alle Vegetarier – von Veganern und weiteren Ernährungsformen mal ganz abgesehen – leben ohne Haustiere. Bei vielen gehören Carnivoren zur Familie. Familie liebevoll und artgerecht zu ernähren, versteht sich somit von selbst.

Floyd, mein Hund, zum Beispiel bleibt ein Fleischfresser, ganz gleich, was ich für mich und meine Ernährung entscheide.
Meine Katzen können sogar noch weniger Zusätze verstoffwechseln als ein Hund, für den man im B.A.R.F.-Ansatz ein Beutetier nachbaut.

Also kommt es am Ende nicht allein auf das Ob an.

Es kommt auf den Umgang insgesamt an.


Fleisch als kostbares Gut

Woher dieser grundsätzliche Blick kommt, weiß ich ziemlich genau: Von meinen Großeltern.

Für sie war Fleisch kostbar. Es bedurfte eines Prozesses mit vielen Arbeitsschritten, bis es auf dem Teller lag. Hinzu kam, dass der Krieg ihnen eine Zeit des Verzichts aufgebürdet hat, in der nicht nur Fleisch weder normal, noch selbstverständlich und schon gar nicht jederzeit erhältlich war.

Verzicht und Wertschätzung gehen für uns Menschen so oft Hand in Hand. Allzu oft kommt die Wertschätzung sogar erst, nachdem der Verzicht gespürt – oder erlitten – wurde. Schlimmstenfalls unwiederbringlich.

Übrigens, lange bevor sich einmal jemand über die Idee des Veggie-Day lustig machte, war in meiner Familie über Generationen klar: Es gibt erstens nicht jeden Tag Fleisch. Und zweitens, wie ich vermute, spätestens seit der Entscheidung für den Lebensmittelpunkt im katholischen Rheinland: freitags schon mal gar nicht.
Von Senfeiern über Riefkooche, Milchreis, Linsensuppe oder Kartoffelsalat – freitags gab es völlig selbstverständlich kein Fleisch. Mir wurde das als Kind nicht einmal kommuniziert. Das Muster habe ich erst viel später erkannt. Meine Familie war nämlich nicht katholisch.

Daher hat mich der Aufruhr, den es um die mögliche Einführung eines Veggie-Days einmal gab, gleichermaßen gewundert wie amüsiert.

Aber so ist es ja bei allem, was einem selbst völlig normal erscheint – im Sinne von vertraut und gängige, alltägliche, respektive freitägliche Praxis.


Ich könnte es nicht. Oder doch…?

Wer einmal ein Huhn vom Ei bis zur Schlachtung begleitet hat, es womöglich selbst geschlachtet und gerupft hat – oder, wie ich als Kind einmal unfreiwillig dabei war –, der vergisst das nicht.
Der weiß, was alles notwendig ist, bis ein Stück Fleisch auf dem Tisch liegen kann. Betrachtet es mit anderen Augen.

Ich könnte es nicht – ein Tier töten, um es zu essen. Müsste ich es selbst tun, wäre ich wohl Vegetarier.
Aber weiß ich das zu 100 %? Mein Opa sagte in Bezug auf Dinge, die während des Krieges teils gruselige „Alltags-Normalität“ erlangten: Du hast ja keine Ahnung.
Damit hatte er sicher recht. Weil ich diese Frage hier und heute nur aus meinem aktuellen Bezugsrahmen ehrlich beantworten kann. Weil ich vermutlich ein ganz anderes Verhältnis dazu hätte, wenn ich wirklich vor der Frage stünde? Weil es Teil der Natur ist – fressen und gefressen werden, in lebensnotwendigem Rahmen?

Was ich sicher weiß: mein Verhältnis dazu hat sich verändert. Nach über sieben Jahren mit Floyd – und seinem anfänglichen Barfen – zerteile ich heute ebenso achtsam wie selbstverständlich z. B. Lunge, um daraus im Dörrautomaten Leckerchen für ihn zuzubereiten.
Immer wenn ich dieses besonders weiche Gewebe portioniere, denke ich übrigens an die Körperwelten-Ausstellung – und die Lungen von Rauchern.
Manche Bilder bleiben einfach im Kopf.

Gleichzeitig be-greife ich wiederholt, was für ein Wunderwerk ein Körper doch ist – sei es, der einer Heidschnucke, oder der eines Menschen. Mir wird dabei bewusst, wie groß meine Bewunderung und Wertschätzung dafür ist.

Könnte ich also selbst Hand anlegen?
Ich habe darauf keine endgültige Antwort. Und genau das darf sein.

Das berühmte Zitat „Erst wenn der letzte Fisch gefangen …“ jedenfalls gewinnt für mich mit jedem weiteren meiner Lebensjahre an Weisheit.


Die Druckstelle an der Kasse

Wie sehr sich mein Blick über all die Jahre verändert hat, zeigt sich manchmal in einer winzigen Szene an der Supermarktkasse. Wenn ich gefragt werde, ob ich dieses eine angeditschte Obststück tatsächlich haben oder es vielleicht lieber umtauschen mag.

Früher war das an der Kasse egal.
Mittlerweile ist eine solche Frage an einer Kasse Teil einer service- und kundenorientierten „Erlebnisreise“ durch den Supermarkt.
Ich finde diese Entwicklung klasse. Ich bedanke mich dann für die Aufmerksamkeit und lasse an meiner bewussten Entscheidung teilhaben, indem ich erkläre: Ich esse das gleich. Und bevor es ganz weggeworfen wird, schneide ich das mini Stück lieber raus.

Ist auch eine Möglichkeit. Erinnert mich gleichsam immer wieder daran, dass man mit Macke auch liebenswert und wertvoll ist.


Komplexität erfordert Bewusstheit

Je tiefer ich hinschaue, desto mehr Fragen tun sich auf.

Wie bestimme ich für mich, was richtig ist – in einer Konsumgesellschaft, in der man sich immer fragen darf: Wer bietet mir hier was, zu welchem Nutzen, vor welchem Hintergrund an? Zu welchem Preis – im übertragenen Sinn. Welche Produktversprechen sind realistisch?

Ehrlich gesagt: Ich weiß es auch nicht immer. Oftmals lässt sich das nicht mit absoluter Bestimmtheit sagen. Je komplexer und globaler diverse Marktmechanismen werden, umso schwerer fällt es mir.

Was ich hingegen stets tun kann: bewusst, achtsam und reflektiert sein.

Mich selbst hinterfragen. Ohne mit dem Finger auf andere zu zeigen.
Meinen eigenen Wertekanon immer mal wieder auf den Prüfstand stellen. Mich austauschen. Mich informieren.

Denn Wertschätzung von Lebensmitteln endet für mich nicht beim Lebensmittel.
Sie verändert meinen Blick auf das Leben. Und vielleicht auch den auf mich selbst. Immer wieder neu.
Sie ist kein dogmatisches Regelwerk. Kein „nur noch Bio“, kein „niemals etwas wegwerfen“, keine Perfektion. Für mich ist sie vor allem: Interesse und Achtsamkeit. Der Wille, hinter das Lebensmittel zu schauen.
Und Dankbarkeit für alles, was ist.

Ambivalenz und Bewusstheit gehören für mich in einer immer komplexer werdenden Welt einfach dazu. Nicht nur in Bezug auf Lebensmittel.

Gleichzeitig darf ich mir selbst verzeihen, dass ich – bei aller Tiefe – keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe.
Ich bin eben ein Mensch. Mit meinen Erkenntnissen. Die sich verändern und wandeln.

Vielleicht bin ich beim Schreiben immer wieder ein Stückchen vom eigentlichen Thema weggekommen. Und doch habe ich dabei genau seine enorme Komplexität entdeckt.

Was bedeutet Wertschätzung von Lebensmitteln für dich?

Ich bin neugierig auf deine Sicht – erzähle sie mir gerne in den Kommentaren. Ankes Blogparade jedenfalls wird in mir noch eine ganze Weile nachhallen.

🌿 Hat dich hier etwas berührt? Dann komm mit in meine WunderB.A.R.! In meiner wunderBARen Post schicke ich dir kleine Erinnerungen an dich selbst – leise, ehrlich und mit einer Prise Leichtigkeit.

Von Katja Schoonbergen

Hej, ich bin Katja – Tiefendialog Coach und Begleiterin für bewusste innere Prozesse. In einem sicheren Rahmen entsteht Raum für achtsames Wahrnehmen, kreative Prozesse und echte Begegnung – ohne Bewertung. Ich glaube daran, dass nachhaltige Veränderung dort entsteht, wo wir uns selbst begegnen – echt, unperfekt und in unserem eigenen Tempo.

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